Familienmedizin in der Hausarztpraxis

Arbeitsdefinition „Familienmedizin in der Hausarztpraxis“

„Die Familienmedizin ist Teil der Allgemeinmedizin und umfasst die gesundheitliche Betreuung der Familie in somatischer, psychischer und sozialer Hinsicht“, heißt es im grundlegenden Lehrbuch der Allgemeinmedizin (Kochen 2012: 564). Eine genaue Definition für „Familienmedizin in der Hausarztpraxis“ stand bisher für den deutschsprachigen Raum jedoch noch aus. Das Institut für Allgemeinmedizin der Universität Düsseldorf (ifam) initiierte für die Erarbeitung einer solchen Definition „Familienmedizin in der Hausarztpraxis“ eine Expertenbefragung. Die daraus hervorgegangene Arbeitsdefinition „Familienmedizin in der Hausarztpraxis“ wird für die kommenden Jahre als gemeinsamer Ausgangspunkt für versorgungsnahe Forschungsprojekte angeboten. Diese Arbeitsdefinition kann durchaus – im Lichte neuer Forschungsergebnisse zu diesem Bereich – in einigen Jahren hinsichtlich ihrer Stimmigkeit und Praxistauglichkeit revidiert werden.

Arbeitsdefinition „Familienmedizin in der Hausarztpraxis“ (Kurzfassung)
Die Familienmedizin ist integraler Bestandteil der Allgemeinmedizin. Sie verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, der das Wissen um die familiäre Situation einbezieht.
„Familienmedizin in der Hausarztpraxis“ ist definiert als die Behandlung eines Patienten/einer Patientin unter Berücksichtigung des familiären Umfeldes und besonderer familiärer Belastungen, ohne dass weitere Familienmitglieder in derselben Praxis in Behandlung sein müssen.
Der „Familienmedizin in der Hausarztpraxis“ wird ein erweitertes Verständnis von Familie zugrunde gelegt. Zur „Familie“ eines Patienten/einer Patientin gehören die Mitglieder seiner/ihrer Herkunftsfamilie. Darüber hinaus zählen diejenigen Menschen hinzu, mit denen er/sie über Heirat oder eine eingetragene Lebensgemeinschaft verbunden ist, in Wohn- oder Hausgemeinschaft (auch im höheren Lebensalter) zusammenlebt, aber auch ehemalige Partner/Partnerinnen oder entfernt lebende Angehörige, sowie sie sich für den Patient/die Patientin mitverantwortlich zeigen. „Familie“ schließt alle Formen von Lebensgemeinschaften (auch ohne Trauschein, mit oder ohne Kinder) ein, die sich emotional aufeinander beziehen (z.B. „Patchwork“-Familien).
„Familienmedizin in der Hausarztpraxis“ ist für folgende Aufgaben zuständig:

  • Primärärztliche Betreuung von Patientinnen und Patienten (als integraler Teil der Allgemeinmedizin),
  • Beachtung somatischer, psychischer und psychosomatischer Probleme/Erkrankungen,
  • Beobachten und Abklären von sozialen Ereignissen, die nicht unmittelbar mit medizinischen Befunden korrelieren.

In der Umsetzung gehören dazu im Einzelnen folgende Kernaufgaben:

  • Hausärztliche Sorge, Begleitung und Betreuung für mehrere Familienmitglieder unter Balance der einzelnen Bedarfe,
  • Verstärkte Aufmerksamkeit für familiäre Problemlagen/Belastungen, die sich gesundheitsschädigend auswirken können,
  • Prävention/Gesundheitsförderung,
  • Ressourcen und Risiken von Familie (er)kennen und berücksichtigen,
  • Das Individuum und die Familie zur Selbstbefähigung/Selbstregulation unterstützen.

In der Lösung dieser Aufgaben zeichnet sich die „Familienmedizin in der Hausarztpraxis“ insbesondere durch folgende Herangehensweisen aus:

  • Gesundheitliche bio-psycho-soziale Betreuung und Begleitung von Menschen,
  • Ganzheitliche Sichtweise auf den Patient/die Patientin und seine/ihre Probleme,
  • Kenntnisse und explizite Berücksichtigung des familiären, sozialen und kulturellen Umfeldes in der Betreuung von Patienten/Patientinnen und ihren Familien,
    (Mit)behandeln von Familienmitgliedern,
  • Berücksichtigung von Bedürfnissen und Besonderheiten der einzelnen Familienmitglieder innerhalb der Familie oder Lebensgemeinschaft,
  • Berücksichtigung familiärer Interaktionen und Dynamiken beim Umgang mit Diagnosen, Krankheitsbildern und Krankheitsfolgen, unabhängig vom Setting der Konsultation (Einzel-, Paar-, Familiengespräch),
  • Anerkennung der wechselseitigen Auswirkungen von Gesundheit/Krankheit auf das psychische und soziale Gefüge von Patient/Patientin und Familie,
  • Einbezug des Wissens um das familiäre Umfeld und seine gesundheits- bzw. krankheits-fördernden Aspekte in Anamnese, (Differential)Diagnostik und Therapieplanung.
    Der Einbezug dieses Wissens und der daraus folgenden Konsequenzen erfolgt auf drei Ebenen: 1) Thematisierung im Einzelgespräch mit Patient/Patientin; 2) Paargespräche oder Eltern-Kind-Konsultationen in der Praxis; 3a) Krankheitsbezogene Familienkonferenzen im häuslichen Umfeld (z.B. bei der häuslichen Begleitung von Demenzkranken); 3b) Krankheits- oder problembezogene Familienkonferenzen in der Praxis (z.B. Umgang mit chronischer Erkrankung eines Familienmitgliedes, familiäre Konflikte),
  • Bei Entwicklung der Anamnesen, Befunde, Risiken auch den Langzeitverlauf (Individuum wie Familie) und belastende Aspekte, wie biographische, kulturelle, religiöse o.ä. Konflikte/Verletzungen beachten.

 

Die Langfassung der Arbeitsdefinition „Familienmedizin in der Hausarztpraxis“ finden Sie hier:
PDF Arbeitsdefinition Familienmedizin ifam 2015

Literatur
V. Kalitzkus, Vollmar H.C. (2016): Familienmedizin in der Hausarztpraxis. Eine Delphi-Studie zur Entwicklung einer gemeinsamen Arbeitsdefinition. Zeitschrift für Allgemeinmedizin 2016; 92 (5): 208-212.